Zorn - ja oder nein

Soll ich meinem Zorn nachgeben?

 

Zorn, Hass, sind Themen, die viele Menschen beschäftigen. Die Tabuisierung in der Gesellschaft, geprägt durch die vorherrschenden Religionen, lässt viele mit diesem Problem alleine. Bereits als Kinder bekommen wir beigebracht, dass wir über diesen Gefühlen stehen sollen. Wir sollen dem Quälgeist, der uns drangsaliert, seine sadistische Freude lassen, weil er ein Kindskopf ist – oder was auch immer. Dann setzen wir uns hin, mit der Erinnerung an die Peinigung oder Demütigung. Wir sind alleine, ein Miasma der Traurigkeit legt sich über uns oder ein Orkan des Zorns erfasst uns.

 

Verfallen wir dem Miasma, drohen wir durch ständige Wiederholung dieses Prozesses in Lethargie oder mindestens Passivität zu verfallen. Wir verlieren viel Spirit – Energie und Kreativität, um unser Leben und Zukunft zu gestalten. Geben wir dem Orkan nach, bekommen wir meistens Ärger, weil wir den Bogen überspannen.

 

Adepten lehnen den Zorn nicht ab. Sie nehmen ihn als ein Teil von sich an. Sie kennen die Quelle, sie kennen das Ziel, sie wissen, was es braucht, um den Zorn zu verwirklichen oder sich von ihm zu lösen. Und Adepten wissen, ob es für sie am besten ist, den Kopf zu schütteln und weiterzugehen oder die Rache zu planen.

 

Ärgert mich jemand, ignoriere ich es meistens. Die meisten Menschen sind es tatsächlich nicht wert, sich ihrer anzunehmen. Es sind die Trolle unserer Gesellschaft – in Anlehnung an die Quälgeister in Internetforen. Es gibt keinen Grund, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie sind glücklich, machen sie Ärger. Soll sie damit glücklich werden, meinen Lebensweg beeinträchtigen sie nicht. Ich brächte Schande über mich, kümmerte ich mich um sie.

 

Aber es gibt welche, denen ich mich annehme. Es handelt sich um meine Feinde oder jene, die sich als Feinde entpuppen. Schadet jemand meinen Interessen, habe ich keine Probleme, gnadenlos zurückzuschlagen. Aber ich behalte Augenmass.

 

Um ein einfaches/plumpes Beispiel zu nehmen: Ich springe nicht von meinem Sessel auf, packe mir die nächste Eisenstange, stampfte in mein Auto, fahre ins Büro, stürmte hinein und prügle auf meinen Widersacher ein. Der Sicherheitsdienst überwältigte mich schnell, ich verlöre meinen Arbeitsplatz, fände keine neuen und wanderte sehr wahrscheinlich ins Gefängnis. Das wäre eine ausserordentlich dämliche Rache, weil schlussendlich der andere gewinnt.

 

Rache muss wohl geplant werden. Der Graf von Monte Christo mit Gerard Depardieu gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Es ist ein Vierteiler, in dem der Graf langsam und klug Rache nimmt. Er erreicht alle seine Ziele und vernichtet seine Widersacher. Er hätte viel Grund gehabt, sofort und blutig zuzuschlagen, aber er wusste, dass hätte zur Selbstzerstörung geführt und er wusste, seine Feinde hätten Widerstand geleistet.

 

Das ist das Problem mit Feinden. Sie leisten Widerstand. Sie sind keine Narren, sie besitzen Verbündete, finanzielle Ressourcen, Anwälte usw. Aus diesem Grund muss man Schritt für Schritt planen, um den Feind niederzuwerfen.

 

Klaut mir jemand am Arbeitsplatz eine Idee, greife ich nicht nach der Eisenstange. Ich sorge, dass alle erfahren, dass er meine Idee stahl. Ich aktiviere meine Verbündeten im Büro. Ich sorge, dass er nicht die Spezialisten bekommt, die er für sein Projekt braucht. Und idealerweise schaffe ich es, dass ich in das Projekt involviert werde. Gezielt steuere ich es, bringe es in Sackgassen, aus denen ich es führe. Am Ende sieht der Vorgesetzte, dass die Gerüchte, die er vernahm, korrekt waren: Es war meine Idee, der andere hat es gestohlen.

 

Ich bekomme meine Anerkennung, mein Feind wird bestraft, meine Verbündeten im Büro sind glücklich, an einer erfolgreichen Kampagne und Projekt zugleich beteiligt gewesen zu sein. Ich zeige ihnen meine Anerkennung auf der menschlichen Ebene und auf der fachlichen Ebene durch interessante Arbeitszuteilung.

 

Aber zurück zum Zorn – ja oder nein. Die Frage erübrigt sich. Zorn ist ein Gefühl. Wir werden es nicht einfach los, weil irgendjemand es errichtet. Wir werden ein Gefühl nicht los, weil wir es ächten. Sind wir zornig, sind wir zornig. Wir können uns hinsetzen, eine Atemtechnik durchführen und uns beruhigen. Mache ich gelegentlich, aber ich weiss, der Zorn verschwindet deswegen nicht. Die Demütigung oder Bereinigung verschwindet nicht. Es ist eine kurzfristige Minderung, die nützlich ist, um das zu tun, was gerade anfällt. Aber um den Zorn muss ich mich kümmern.

 

Ich verurteile mich nicht für meinen Zorn. Er gibt mir Kraft, er schenkt mir Klarheit. Letztes wird viele verwirren. Dass Zorn stark machen kann, das weiss jeder. Es kommt vor, dass Freunde einen „beleidigen“, dass wir bei einem Dauerlauf durchhalten oder Gewichte stemmen können. Manchmal verfluchen wir uns selbst, um einen kleinen Funken Zorn zu wecken, der uns Kraft verleiht. Aber Klarheit? Kann Zorn wirklich Klarheit schaffen? Blinder Zorn! Jeder hörte vom blinden Zorn. Wir hassen ein Subjekt oder Objekt. Wir wollen es vernichten. Wir sind für keine Argumente zugänglich. Ja, der blinde Zaun gibt es und ja, so ist eine derart starke Kraft, dass er uns in diese Richtung treibt, aber nein, Zorn kann uns auch Klarheit verleihen.

 

Die grosse Menge an Energie, die sich im Zorn befindet, kann Zweifel genauso ausräumen wie Meditation. Sie spült ihn beiseite. In einem kurzen Moment sehen wir ganz klar. Allerdings ist das Fenster gering. Nachdem das Fenster sich schloss, treibt uns der Zorn nur noch an. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir einen klaren Geist besitzen, bewusst wahrnehmen und aus dem Urzentrum handeln. Dann vermögen wir die Kraft des Zorns für uns zu nutzen.